Schenker Reisebüro
Geschichte
Reisebüros waren eine wesentliche Innovation auf dem Dienstleistungssektor
In gewissem Zusammenhang mit dem Interesse an der Schiffahrt, selbstverständlich aber auch mit Diversifikationsbestrebungen und der Nutzung von Synergieeffekten, stand die Einrichtung von eigenen Reisebüros; es war dies eine wesentliche Innovation auf dem Dienstleistungssektor, die von den Spediteuren eingebracht wurde:
Einzelne bedeutende Speditionsfirmen richteten nämlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in verschiedenen Großstädten und wichtigen Hafenplätzen mit entsprechender Fremden- und Auswandererfrequenz auch eigene Reisebüros ein.
Der zunehmende Tourismus in Europa selbst, verstärkt aber auch die Auswanderungsbewegung nach Übersee, die im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts vor allem auch die Ostprovinzen der Donaumonarchie erfaßte, waren die Grundlage für diese spezifizierte Tätigkeit.
Thomas Cook & Sons, London, und Schenker & Co genossen Weltruf
Die Firmen Thomas Cook & Sons, London, und Schenker & Co., Wien, etablierten sich im 19. Jahrhundert als die beiden führenden Reisebüros und genossen damals Weltruf:
"Das Reisewesen ist schon seit geraumer Zeit eine Spezialität der Firma Schenker & Co., die in ihren verschiedenen Reisebureaux nicht nur die Fahrkartenausgabe nach allen Punkten der Erde besorgt, sondern auch durch Veranstaltung von Sonderfahrten dem Publikum Gelegenheit bietet, die Welt unter fachmännischer Leitung und zu Bedingungen, die der Einzelreisende nicht zu erzielen vermag, aus eigener Anschauung kennen zu lernen."
Weltausstellung 1893 nach Chicago und 1900 nach Paris
So organisierte Schenker & Co. u. a. Gesellschaftsreisen zu den Weltausstellungen 1893 nach Chicago und 1900 nach Paris, wo vor allem der damals errichtete Eiffelturm eine besondere Attraktion darstellte.
Die unternehmerische Initiative Gottfried Schenkers erwies sich auch in diesem Fall: Er mietete für die Besucher der Pariser Weltausstellung von der französischen Versicherungsgesellschaft "Urbaine" auf zehn Monate ein komplettes Hotel-Garni mit 230 Zimmern, in Verbindung mit einem Cafe-Restaurant und in unmittelbarer Nähe des Ausstellungsgeländes, nämlich in 191, rue de l'Université, und nannte es "Grand-Hôtel Schenker".
Die einwöchige Gesellschaftsreise nach Paris wurde samt Besichtigungstouren, Eintrittskarten, Verpflegung und Reiseversicherung zu einem Pauschalpreis von 380 Kronen angeboten. Gottfried Schenker selbst unternahm übrigens damals seine letzte Reise zur Pariser Weltausstellung, wie ihn übrigens auch seine erste Auslandsreise nach Paris geführt hatte.
Weitsicht über die Bedeutung des Fremdenverkehrs im Jahre 1902
In einem an die k. k. Staatseisenbahndirektion gerichteten Exposé aus dem Jahre 1902 wies Schenker & Co. mit erstaunlicher Weitsicht auf die volkswirtschaftliche Bedeutung des Fremdenverkehrs hin: "Es ist keine leere Phrase, daß wohlhabende Fremde bei längerem Aufenthalte Millionen im Lande lassen und daß die breitesten Volksschichten aus der, wenn man so sagen darf, "Fremdenindustrie" ihren Nutzen ziehen."
Damit erbrachte der Spediteur auch auf diesem rasch wachsenden Sektor eine wichtige Dienstleistungsfunktion.
Die Konzession für ein Reisebüro in Wien wurde am 25. Juni 1900 erteilt. Um 1910 bestanden neben den Reisebüros in Wien, München, Karlsbad, Bozen und Prag eigene Agenturen in Marienbad, Franzensbad, Graz, Abbazia, Arco, Meran, Warschau, Kiew, Moskau, St. Petersburg, Odessa und Saloniki.
Besonders frequentiert waren die beiden Schenker-Reisebüros in Karlsbad und in Bozen, daneben auch die beiden Geschäftsstellen in Wien I., Schottenring 3 (Hotel de France) und Kohlmarkt 1, und die Büros in Prag, Hybernergasse 12, sowie in Nürnberg und Bad Kissingen.
Agentur für Orient-Expreß 1896 Schenker übertragen
Im Jahre 1896 wurde Schenker auch die Agentur für den legendären Orient-Expreß für Österreich-Ungarn sowie alle Balkanstaaten übertragen.
Die Schenker-Reisebüros waren schließlich so bekannt, daß selbst Arthur Schnitzler in einem seiner Theaterstücke den Satz einflocht: "Da werd ich gleich bei Schenker die Schlafwagenplätze bestellen!"





